Bryan hört Musik

Prinzchen und der Graf

Viele Tage lang hatte ich mir Sorgen um Prinzchen (l.) gemacht –
doch es war dann ganz anders als gedacht!

Seit Wochen hatte ich es gespürt: Mit meinem Lebensbären Prinzchen musste etwas Mysteriöses geschehen sein. Ich war ja so beunruhigt: Lag am Vortag auf dem einen CD-Stapel noch Melina Mercouri obenauf, auf dem anderen Nickelback und auf einem dritten Tina Turner, so schienen klammheimlich über Nacht alle CDs umsortiert worden zu sein. Und nur mein Prinzchen hatte ich im Wohnzimmer gesehen. Aber hatte mein Lebensbär unbemerkt von mir tatsächlich auch die schöne CD von Vittorio Grigolo aus dem CD-Player entfernt und sie zu denen von Zarah Leander Nana Mouskouri, Ernst Mosch, Demis Roussos und Monika Martin neben den Verstärker gelegt? Während ich mich also sorgte, räkelte sich Prinzchen unschuldig lächelnd und kuschelte sich an mich, als wäre nichts geschehen. Dann drückte er sanft auf die Fernbedienung – und war plötzlich in einer eigenen neuen Welt. Ich fand den noch nie gehörten Sound zuerst ziemlich unheilig, denn damit war klar: Prinzchen hatte neuerdings einen anderen – Musikgeschmack.

Weil ich meinen Lebensbären aber über alles liebe, wollte ich natürlich mehr von ihm wissen und mir ein eigenes Urteil bilden. Ehrlich, bald gefiel auch mir die von Prinzchen neu entdeckte Stimme, die einen so voller Wärme ans Herz drückt und der auch ich mich nicht entziehen konnte und wollte: die Stimme des Grafen, des Sängers und Texters der deutschen Musikgruppe Unheilig. Und ich war ja so erleichtert! Was hatte ich mir für unnötige Gedanken gemacht! Prinzchen erzählte mir dann ein bisschen über die Geschichte des Grafen und dessen Band.

Sein Geburtsdatum hält der Graf geheim, und wir Bären beteiligen uns naturgemäß nicht an irgendwelchen Spekulationen – schaut einfach das ein oder andere Foto von ihm an. Auch seinen offiziellen Namen verrät der Graf nicht jedem. Jedoch wurde der Musiker nicht nur in einem großen ZEIT-ONLINE-Portrait als Bernd Heinrich Graf vorgestellt – wobei sich unser Freund Bärli sicher ist, dass der nette Graf eigentlich Bärnd heißt. Aber egal. Ganz egal! Denn der Graf ist ein Künstler, und die genießen bei uns Teddys mehr Freiheiten als auf Euren Ordnungsämtern. Der Graf ist sogar ein großer Künstler, und weil er in den letzten Jahren immer bekannter geworden ist, hat er auch immer mehr Feinde bekommen. Das scheint unter Euch Menschen ganz normal zu sein!

Vielen von Euch ist wohl nicht ganz geheuer, dass der charismatische Graf immer so sympathisch rüberkommt – und vor allem, dass er dabei sein Leben und seine Kunst sozusagen zelebriert. Er tritt mitunter als Fantasiefigur auf, die von sich in der dritten Person spricht. Stets trägt er einen schwarzen Anzug und ein weißes Hemd mit dunkler Krawatte. Und eine Glatze sowie zwei Dreiecksbärtchen. Wär zwar nicht mein Ding, aber wieder mal egal. Ich stelle mir jetzt lieber vor, wie der in Aachen oder Würselen geborene kleine Bernd einen christlichen Kindergarten besucht und im Kirchenchor mitsingt (so fing es schließlich auch bei Tina Turner in Nutbush an!). Viele Jahre lang hänseln ihn die meisten anderen Kinder, denn der ziemlich scheue Bernd stottert stark. Lange bevor er sich zum Grafen adelte, hatte er eine Ausbildung zum Zahntechniker begonnen und abgebrochen, die Grundausbildung bei der Bundeswehr absolviert und sich zum Hörgeräteakustiker ausbilden lassen. Später diente Bernd Heinrich Graf vier Jahre lang als Zeitsoldat. Euer Bryan findet nicht, dass das nach einer verkrachten Existenz aussieht – aber Lebensträume sehen halt oft anders aus.

Der Blick des Grafen geht ihm unters Fell, und auch
Prinzchen strahlt hell – eben wie die Lichter der Stadt …

Nähern wir uns also langsam dem Phänomenalen, liebe Freunde: Im Jahr 2000 gründet der Graf zusammen mit Grant Stevens und José Alvarez-Brill in Aachen die Musikgruppe Unheilig. Die Lieder dieser neuen Band sind in mehreren Gattungen zu Hause, genannt werden meist Pop, Electro-Rock und Neue Deutsche Härte, igitt. Das Debütalbum „Phosphor“, übrigens das einzige Unheilig-Album auch mit englischen Texten, erscheint im März 2001; auf Festivals und Open-Air-Konzerten findet Unheilig immer mehr Anklang. Ende Oktober 2002 interpretiert die Band auf dem Album „Frohes Fest“ klassische deutsche Weihnachtslieder, doch hinter den Kulissen gärt es längst: „Aufgrund von Differenzen“ trennt sich der Graf „von den anderen Bandmitgliedern, dem Produzenten und der Plattenfirma“ (Zitate aus dem Online-Nachschlagewerk Wikipedia) und macht als Solokünstler weiter. Jahrelang greift er nur für Live-Auftritte auf Gastmusiker zurück. Im April 2003 kommt das dritte Studioalbum („Das 2. Gebot“) auf den Markt, Ende Februar 2004 das vierte („Zelluloid“), Anfang Februar 2006 das fünfte („Moderne Zeiten“), im März 2008 schließlich das sechste („Puppenspiel“). Doch noch immer kennen zu jener Zeit nur relativ wenige Menschen und noch weniger Teddybären die Band und ihren Sänger. Die meisten Unheilig-Fans sind damals Anhänger der sogenannten „Schwarzen Szene“ (Näheres hierzu erspare ich Euch und mir aber).

Alles wird anders, nachdem im Februar 2010 das siebte Studioalbum „Große Freiheit“ mit seiner Auskopplung „Geboren, um zu leben“ erschienen war. Bei langjährigen Weggefährten stoßen die einsetzende „unheilige“ Medienpräsenz und der poppigere Charakter vieler neuer Lieder mitunter auf harsche Kritik. Von „Schlagertümelei“ und „Massenkompatibilität“ ist die Rede, von verratener treuer Gefolgschaft. In einem Interview mit dem Stern bekennt der Graf im Oktober 2010: „Es ist seltsam, jahrelang haben mir die Menschen vermittelt, wie wichtig ihnen meine Musik ist, und dann ändere ich ein wenig mein Äußeres, lasse den schwarzen Nagellack und diese weißen Vampirkontaktlinsen weg, und plötzlich zählt meine Musik nicht mehr. Plötzlich sagt man: Der singt jetzt kommerzielle Balladen. Der ist keiner mehr von uns. Ich verstehe das bis heute nicht. Wenn du die Akzeptanz der Leute nicht mehr hast, die du so lange kennst, dann tut das weh.“ Die Erfolge und Auszeichnungen indessen häufen sich noch. So gewinnt Unheilig mit „Unter deiner Flagge“ im Oktober 2010 den Bundesvision Song Contest und einige Wochen später den Bambi in der Kategorie Pop National, im Jahr 2011 „hagelt“ es unter anderem den Musikpreis Comet, den Entertainment-Preis DIVA und drei ECHOs. Im März 2012 erscheint das achte Studioalbum „Lichter der Stadt“ mit dem vier Wochen vorab veröffentlichten Song „So wie du warst“. Und spätestens jetzt kennen (fast) alle Unheilig und den Grafen!

Mein Prinzchen und der Graf – während also besonders Prinzchen atemlos und hingebungsvoll den unheiligen Klängen lauscht, komponiert, textet, instrumentiert, arrangiert, programmiert und singt der Graf fleißig weiter. Und wie gesagt, auch Euer Bryan findet die sonore Stimme des Grafen mit ihrer Kraft, ihrer Wärme und ihrer Melancholie zum Niederknien. Ein lieber Freund von uns nennt diese einzigartige Stimme einfach nur: „magic“. Die gräflichen Liedtexte sind zumeist vielfältig deutbar und so kommt es, dass Prinzchen und ich an jedem Tag andere unheilige Lieblingstexte haben. Hört Euch einfach mal ein paar Lieder von Unheilig an, etwa „Sei mein Licht“, „My bride has gone“, „Mein König“, „Feuerland“ oder „Mein Stern“, um an dieser Stelle nur fünf bisher ungenannte Titel zu empfehlen.

Für Prinzchens Glück ist mir nichts zu teuer …
für diese Disc war er Flamme und Feuer!

Was nun das kommerzielle Brimborium betrifft … also wir alle in der Bärenrunde gönnen dem Grafen seinen riesigen Erfolg. Dass heute bei den Unheilig-Konzerten die Bühne größer ist als früher die ganze Halle, das ist doch schön! Dass Unheilig eine Projektionsfläche für alles Mögliche ist und vermutlich niemand je hinter die Leinwand gelangen wird, also meinem Prinzchen und mir schadet das nicht: im Gegenteil, wir Teddys lieben Fantasie. Von herablassenden Äußerungen wie „Düsterpop der Gothic-Szene“ oder „Gespensterstadl“ bitten wir also ausdrücklich Abstand zu nehmen! Und immerhin gehört der Graf zu den Künstlern, die sich ihrer öffentlichen Verantwortung bewusst sind und zu ihr stehen. So unterstützt der Graf seit einigen Jahren den Münsteraner Verein „Herzenswünsche e.V.“ für schwer erkrankte Kinder und Jugendliche. Wer sich für den Grafen auch „außermusikalisch“ interessiert, kann inzwischen auf verschiedene Bücher zurückgreifen. Des Grafen erstes selbstverfasstes hieß 2010 „Bis zur Großen Freiheit“ und ist laut seiner sehr seltsamen Aussage „voller Rechtschreibfehler, weil ich’s selber geschrieben hab“ – mit Verlaub, Herr Graf, wozu gibt es denn Lektoren wie den Papi? Aber kaum geschrieben, schon geschehen: Vor Kurzem erschien die erste lektorierte Autobiografie des Grafen: „Als Musik meine Sprache wurde“. Die wird ab Januar 2013 auch als von ihm selbst gesprochenes Hörbuch erhältlich sein. Als gelungene „Fremddarstellung“ des gräflichen Lebens und Wirkens gilt unter amazon.de-Rezensenten übrigens das Ende 2011 veröffentlichte Buch „Unheilig: Der Graf und seine Welt“ von Michael Fuchs-Gamböck und Thorsten Schatz. Für offizielle Verlautbarungen könnt Ihr natürlich auf die Website www.unheilig.com surfen.

Und schon bin ich beim Schlusswort: Der Graf ist ein begnadeter Musiker, der Eure und unsere Fantasie bärig beflügeln kann. Das „große Kopfkino“ (des Grafen eigene Worte) von Unheilig möge alle Wohlwollenden in seinen Bann ziehen. Ich zum Beispiel konnte einfach nicht bis Heiligabend warten und habe meinem Prinzchen bereits heute die am 23. November erschienene „Winter Edition“ von „Lichter der Stadt“ geschenkt, eine Doppel-CD unter anderem mit einem fantastischen Akustikkonzert und vier bisher unveröffentlichten Songs. Und auch Prinzchen findet das mal wieder total unheilig!